Der Mythos vom „Aus sich Herauskommen“

Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich mag diese Phrase nicht. „Aus sich herauskommen“ – das klingt irgendwie, als würde ich mich selbst verlassen und verleugnen. Als müsste ich mich der Welt stets präsentieren und sie vor meine eigene innere Welt stellen – komme was wolle.

Und doch ist dieses Prinzip allgegenwärtig: „Komm doch mal aus dir raus“, wird dir als Kind gesagt, wenn du lieber zuhörst statt zu reden. „Du musst nur aus dir herausgehen, dann liegt dir die Welt zu Füßen!“, belehrt man dich, wenn du in der Schule deine Pausen lieber ruhig im Klassenraum verbringen möchtest, anstatt mit den anderen Kids draußen auf dem Schulhof zu toben.

Aus sich Herauskommen ist quatsch!

Ich kenne diese Sprüche nur zu gut. Ich bin mit ihnen aufgewachsen und sie haben mir stets suggeriert, dass etwas mit mir nicht stimmt und dass ich anders sein müsste. Du kannst dir vorstellen, was das mit meinem Selbstbewusstsein gemacht hat! Das ging auf eine ziemliche Talfahrt.

Genau das ist das Fatale an Sprüchen wie diesen – solche Aussagen sind es letztendlich, die aus einem introvertierten Menschen einen schüchternen Menschen machen. Und so kommt es wiederum in Folge oft dazu, dass Introversion mit Schüchternheit gleichgesetzt wird. Ein Teufelskreis! (Infos zu Schüchternheit vs. Introversion findest du in diesem Gastbeitrag von Sandra.)

Warum dieser Quatsch mehr schadet als hilft

Als introvertierter Persönlichkeitstyp brauchst du Ruhe und Zeit für dich alleine, um deine Energiereserven wieder aufzutanken. Das geht dir schon in deiner Kindheit so.

Während extrovertierte Kids sich in den Pausen zwischen zwei Schulstunden dringend bewegen, Action und soziale Interaktion haben müssen, um ihre Energien wieder zum Brodeln zu bringen, benötigst du als Introkind Ruhe. (Schau in diesem Artikel für mehr Unterschiede.)

Aus sich Herauskommen | Still Verwurzelt Blog

Still sein, für dich sein, in die Gegend starren oder ein bisschen leichtes Plaudern mit deinen besten Schulkollegen – wahrscheinlich waren das so in etwa die Bedürfnisse, die du hattest.

Leider wird introvertierten Kindern diese Möglichkeit gar nicht gegeben. Ich erinnere mich, dass ich von Klasse 1-7 überhaupt nicht die Option hatte, mich zurückziehen und ruhig im Klassenraum zu bleiben. Alle Kinder mussten raus auf den dicht gedrängten Schulhof! Sich austoben, sozial sein, spielen. Für mich waren diese Pausen alles andere als erholsam. Und doch wird dir mit solchen Erwartungen und Sprüchen rund um das Thema „Aus sich Herauskommen“ suggeriert, dass du das so machen musst. Dass du dich „austoben“ musst, aktiv sein musst. Wie die extrovertierten Persönlichkeitstypen eben. Oder noch mehr: Dass du eigentlich eine extrovertierte Person bist, du dich nur weiß Gott warum, dagegen wehrst!

Also versuchst du diesen Vorstellungen gerecht zu werden. Schließlich glaubst du als Kind, was dir alle anderen sagen, und machst mit – oder versuchst es zumindest. Die Folge ist, dass dich das mehr und mehr auslaugt und dir das „Aus sich Herauskommen“ immer schwerer fällt, weil du nie die Gelegenheit bekommst, wirklich Energie aufzutanken. „Draußen Rumtoben gibt dir doch Energie“, denken die anderen. Aber genau das ist eben nicht der Fall.

Als Intro ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln

Stell dir vor, es wäre anders – in der Schule würde man auf die Bedürfnisse von introvertierten Kindern genauso wie auf die von extrovertierten Kindern eingehen. Keiner stört das Kind, wenn es sich in der Pause zurückzieht. Im Gegenteil: Es würde als genauso normal angesehen werden wie das Tummeln draußen auf dem Schulhof. Daraus resultierte dann auch, dass Aus-sich-Herauskommen-Sprüche wegfielen. Es wäre vollkommen normal und gesund, lieber zuzuhören als zu reden und umgekehrt.

Stell dir das einmal vor, was würde passieren?

Du musst nicht aus dir herauskommen!

Introvertierte hätten die Chance, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, da ihr Bedürfnis nach Rückzug und Stille als etwas völlig Normales angesehen würde.

Aus sich herauskommen adé – was kannst du tun?

So schön diese Vorstellung auch ist, so utopisch ist es dann auch wieder, dass sich unsere gesellschaftlichen Strukturen von heute auf morgen dahingehend verändern. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt resignieren müssen und sollten. Jeder von uns kann etwas tun, um diesem Traumzustand näherzukommen:

  1. Fang bei dir selbst an! Erkunde deine eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse. Gib deiner Introversion Raum, sich voll zu entfalten. Akzeptiere, dass du andere Bedürfnisse hast als der Großteil der Gesellschaft und mach es dir zur Aufgabe, dir diese selbst nach und nach zu erfüllen. Im Intro-Guide findest du kurz und knackig die wichtigsten Bereiche, die für dich als Intro relevant sind, zusammengefasst und mit Praxistipps versehen.
  2. Nimm Rücksicht auf die Unwissenheit der anderen! Wenn dir mal wieder jemand mit „Geh aus dir raus“ kommt, versuche nicht wütend zu werden. Derjenige weiß es einfach nicht besser. Genau hier kannst du ansetzen! Du kannst anderen zeigen, dass du als introvertierter Persönlichkeitstyp anders tickst und dich damit wohlfühlst.
  3. Sei ein Vorbild für den Nachwuchs! Ob Intro oder Extro – zeig deinen Kindern, dass es verschiedene Persönlichkeitstypen gibt und beobachte deine Kinder vor allem selbst. Sind sie introvertiert oder extrovertiert? Gib ihnen den Raum, sich nach ihren eigenen Bedürfnissen zu entfalten. Wenn deine Kinder introvertiert sind, solltest du ihnen klar machen, dass es okay ist, sich mehr zurückzuziehen als andere Kinder.

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