Mutismus – ein Interview mit Mara

In bestimmten Situationen nicht sprechen können – eine Blockade haben – stumm sein. Mutismus ist ein Phänomen, das fernab von Schüchternheit und Introversion existiert. Selektiver Mutismus ist eine Krankheit, über deren Existenz allein viel zu wenige Menschen Bescheid wissen. Als umso wichtiger empfinde ich das folgende Interview mit Mara von mutismusblog.de, in dem sie über ihre persönlichen Erfahrungen rund um die Diagnose Selektiver Mutismus spricht. Lesen und teilen!

Ein Interview mit Mara

Liebe Mara, ich freue mich total, dich auf Still Verwurzelt über das Thema Mutismus interviewen zu dürfen! Ein Thema, das dich selbst persönlich betrifft. Danke, dass du dabei bist! Stell dich gerne zunächst einmal kurz vor. Wer ist Mara und was ist deine Mission mit mutismusblog.de?

Hallo Anja, vielen Dank, dass du mich gefragt hast. Ich freue mich, dass ich dabei sein darf.

Mara ist inzwischen mit einer Drei im Alter erwachsen und jemand, der selektiven Mutismus überwunden hat. Seit ich mich erinnern kann, litt ich an den Blockaden, die mir im Prinzip an allen möglichen Stellen mein Leben erschwert haben. Das fing im Kindergarten an, ging mit schlechten Noten über die gesamte Schulzeit und endete mehr oder weniger im Studium. 

Meine Mission mit mutismusblog.de ist es, mitzuteilen, was – aber vor allem wie – selektiver Mutismus ist. Zum einen tut mir das Schreiben selbst gut, zum anderen weiß ich, dass ich Menschen damit Verständnis und Antworten geben kann. Mit dem Bloggen habe ich eigentlich schon in meiner Jugend angefangen. Am Anfang war es ziemlich unreflektiert, bis ich mich 2009 dazu entschied, das Bloggen mit dem Mutismusblog etwas „offizieller“ zu betreiben. Nach all den Jahren und inzwischen sogar einer „Mutismuspause“ wage ich nun einen Neustart. Denn noch immer liest man zu wenig über das Thema.

Diagnose: Selektiver Mutismus

Mutismus ist kein Thema, das in unserer Gesellschaft besonders präsent ist. Viele wissen nicht einmal, dass es diese Krankheit überhaupt gibt. Kannst du uns kurz erklären, was (selektiver) Mutismus ist und wie sich das äußert?

Bei selektivem Mutismus handelt es sich um eine Kommunikationsstörung. Betroffene schweigen, obwohl sie eigentlich sprechen können. Sie tritt schon in der Kindheit auf und hängt oft mit Ängsten zusammen. Es sind jedoch nicht ausschließlich Ängste, die einen direkt ins Schweigen versetzen. 

Eigentlich ist die Bezeichnung selektiv etwas unpassend, da sich Betroffene nicht bewusst die Personen aussuchen, bei denen sie sprechen können. Vielmehr sind es bestimmte Situationen, die einen ins Schweigen versetzen. In anderen, meist vertrauten Situationen geht es dagegen problemlos – sprich in der engen Familie funktioniert das Sprechen meist, im Kindergarten oder in der Schule wird geschwiegen. Deshalb ist es nicht immer einfach, selektiven Mutismus zu diagnostizieren. 

Oft geht selektiver Mutismus auch über das Schweigen hinaus. Ich habe ihn immer als komplette Blockade wahrgenommen. Wenn ich in einer mutistischen Blockade war, konnte ich mich zum Beispiel auch nicht bewegen.

Mutismus | Still Verwurzelt

Ich könnte mir vorstellen, dass Mutismus oft mit Schüchternheit oder auch generell Introversion in Zusammenhang gebracht wird und nicht als eine davon unabhängige psychische Erkrankung wahrgenommen wird. Was sind die typischsten Missverständnisse zum Thema Mutismus, über die du aufklären möchtest?

Mutismus ist kein Charakterzug, auch wenn viele Betroffene gleichzeitig schüchtern oder introvertiert sind. Wenn ich in einer mutistischen Blockade war, gab es keinen Weg hinaus. Jeder hätte sich auf den Kopf stellen können und ich hätte weiter geschwiegen. Sprechen ging nicht – egal welche Konsequenzen mein Schweigen in dem Moment gehabt hätte. Mutismus ist also im ersten Moment nichts, das man aktiv überwinden kann, indem man sich „einfach“ mal traut oder nichts, das besser wird, wenn man mal aufgetaut ist. Es hat übrigens sehr lange gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass ich nicht nur einfach zu „schwach“ bin, mich zum Sprechen zu überwinden. 

Zudem hatte ich immer das Gefühl, nicht zusammenzupassen. Auf der einen Seite gab es die Person, die schweigt, und auf der anderen Seite war ich der aufmüpfige Teenager, der manchmal besser den Mund gehalten hätte. Es war, als hatte ich zwei Charakterzüge, die sich von Grund auf widersprachen und manchmal lernte eine Person auch beide davon kennen. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen meiner Geburtstage. Es kamen einige Klassenkameraden zu Besuch, die mich nur schweigend kannten und dann einen völlig anderen Menschen kennenlernten. 

Persönliche Erfahrungen

Die Diagnose Mutismus bekamst du mit 17 Jahren. Dieser ging eine lange Zeit voraus, in der du mit der Krankheit im Alltag gelebt hast. Vor allem in der Schulzeit stelle ich mir das enorm schwierig vor. Wie haben Lehrer und Mitschüler auf Situationen reagiert, in denen sich Mutismus gezeigt hat?

Ja, das stimmt. Vor allem die Schulzeit war schwierig, denn mündliche Beteiligung war nicht vorhanden. Das bedeutete am Ende schlechte Noten und „verbaute“ Möglichkeiten für meine berufliche Zukunft. Manchmal konnte ich etwas sagen, wenn ich aufgerufen wurde. Aber das kam sehr auf die Situation an. Zum Beispiel konnte ich manchmal leichte kurze Texte vorlesen. Fremdsprachen oder Texte mit vielen Fremdwörtern waren dagegen schwieriger oder gingen gar nicht. Und frei sprechen funktionierte überhaupt nicht.

Die Reaktionen der Lehrer und Mitschüler waren unterschiedlich. Einige Lehrer riefen mich immer wieder auf, um mich zu motivieren. Andere ignorierten mich, weil ich ja ohnehin nicht sprach. Und andere piesackten mich, weil es das wahrscheinlich nicht geben konnte, dass jemand nicht spricht. Bei den Mitschülern war es ähnlich: Einige ignorierten mich, andere mobbten mich, weil ich offensichtlich ein leichtes Opfer war und einige wenige freundeten sich mit mir an. Das waren meist ebenfalls Außenseiter, bei denen ich übrigens immer sprechen konnte – wahrscheinlich, weil es in dem Moment Gleichgesinnte waren.

Selektiver Mutismus | Still Verwurzelt

Kannst du uns im Ansatz das Gefühl beschreiben, das entsteht, wenn es zu so einer Situation kommt?

In dem Moment ist alles starr und gleichzeitig entspannt. Die Lippen liegen sacht aufeinander, die Mimik wirkt leer. Es gibt keine Bewegungen oder nur solche, die man kaum sieht. Der Atem ist ruhig. Es ist, als wäre das gesamte Äußere in Watte gepackt und man selbst ist irgendwo. Entweder in dem gedanklichen Getöse, das gerade in einem herrscht oder man ist gar nicht da. Solange bis die Situation durch andere beendet wird. Dann kehrt man allmählich auch wieder zurück. 

Was hättest du damals in solchen Situationen gebraucht? Was hätte dir geholfen, damit du dich unterstützt und wertgeschätzt fühlst?

Das ist schwierig zu beantworten, weil es mir meist selbst nicht klar war. Nur selten wusste ich den genauen Grund für die jeweilige Blockade und hätte für andere einen Ratschlag gehabt. Und oft haben mich meine eigenen Ideen auch selbst enttäuscht. In meiner Therapie haben wir zum Beispiel versucht, Lösungen zu erarbeiten. Mal war es die richtige und ein anderes Mal wieder nicht. Daher denke ich, dass es keine allgemeinen Tipps gibt. Aber bei mir gab es die Tendenz, dass mir Sicherheit geholfen hat – sprich etwas aufschreiben und dann vorlesen dürfen, hätte mir einen gewissen Halt gegeben. Allerdings auch nicht immer.

Was mir definitiv nicht geholfen hat, war, mehr Zeit zu haben. Das glaubten nämlich viele Lehrer. Entweder funktionierte Sprechen von Anfang an oder es ging nicht. Warten hat da nichts gebracht. Im Gegenteil. Mutisten schweigen sehr konsequent. Da wäre eher die Unterrichtsstunde zu Ende gewesen oder die Mitschüler hätten das nicht länger mitgemacht. Daher war mehr Zeit nur eine Qual, die sehr an meinem Selbstvertrauen genagt und meinen Selbsthass befeuert hat.

Mutismus überwinden

Heute als Erwachsene schränkt dich die Diagnose kaum mehr ein und du kommst nur noch selten damit in Berührung. Wie hast du es geschafft, dass Mutismus dich heute nicht mehr so betrifft wie früher? Gab es einen bestimmten Therapieansatz oder eine spezielle Übung, die dir persönlich besonders geholfen hat?

Da der Mutismus irgendwann mit Depressionen und Suizidgedanken einherging, kam ich in eine Psychiatrie. Dort war ich einige Monate und hatte die unterschiedlichsten Therapien. Ob sie nützlich waren, kann ich heute nicht genau sagen. Denn Therapie ist schwierig, wenn man auch in solchen Situationen blockiert ist. Zumindest tat es mir gut, mit anderen Jugendlichen zusammen zu sein. Ich hatte mich zum ersten Mal willkommen und akzeptiert gefühlt. Und ich bekam dort meine Diagnose.

Nützlich war vor allem meine Gesprächstherapie mit meinem Therapeuten, die ich nach der Entlassung aus der Klinik 4 Jahre lang ambulant weiter führen durfte. Im ersten Moment klingt es etwas seltsam, wie eine Gesprächstherapie nützlich sein kann, wenn man nicht spricht. Aber mein Therapeut und ich hatten es irgendwie hinbekommen, dass ich mit den Jahren immer mehr sprechen konnte. So war am Ende eine „normale“ Gesprächstherapie möglich, in der wir gemeinsam die Situationen analysierten und andere Möglichkeiten jenseits des Schweigens erarbeitet hatten. Vielleicht klappte es, weil er immer an mich geglaubt und eine enorme Geduld und Empathie hatte. Leider ist er dann unerwartet gestorben. Er war das Beste, das mir passieren konnte.

Zudem hatte ich während dieser Zeit für einige Monate eine Betreuerin. Sie sollte mich im Alltag begleiten, zum Beispiel bei Behördengängen und Arztbesuchen, denn inzwischen war ich volljährig.

Leider fehlte bei den Finanzierern ebenfalls das Verständnis für selektiven Mutismus, sodass die Betreuung schnell wieder eingestellt wurde.

Stumm | Still Verwurzelt

Machst du heute Achtsamkeitsübungen, Meditationen oder Ähnliches, die dir guttun und die du empfehlen kannst?

Nein, nicht direkt. Ich habe seit einigen Jahren das Laufen für mich entdeckt. Das spornt mich an und ist gut für mein Selbstvertrauen. Zudem ist es meine Art von „Meditation“. Ich kann beim Laufen sehr gut abschalten oder Gedanken ordnen. Manchmal habe ich Phasen, in denen mir Yoga auch sehr gut tut. Ansonsten hilft mir Musik beim Abschalten oder das Schreiben.

Mutismus? So kannst du helfen

Wenn ich den Verdacht habe, dass jemand mir Nahestehendes von Mutismus betroffen ist – hast du einen Tipp, wie ich demjenigen helfen kann? 

In meinen Augen gehört Mutismus in professionelle Hände. Welche Therapie die richtige ist, ist wahrscheinlich für jeden anders. Daher ist mein Tipp: Unterstütze ihn so dabei, dass er diese Hilfe bekommen kann. Wenn du dafür einen Anruf tätigen musst, dann das. Wenn du ihn dorthin begleiten musst, dann dies. Ansonsten ist es natürlich eher kontraproduktiv, das Sprechen zu übernehmen. 

Außerdem denke ich, dass Akzeptanz wichtig ist. Drängen bringt in meinem Augen nicht viel. Wenn man ein gesundes Maß an Motivation geben kann, ist das jedoch auch gut. Aber Akzeptanz sollte an erster Stelle stehen.

Kannst du deiner Diagnose heute rückblickend auch etwas Positives abgewinnen?

Ohja. Hätte ich sprechen können, hätte das Schreiben damals als einzige Möglichkeit, mich mitzuteilen, wahrscheinlich nie einen Reiz gehabt. Heute ist Schreiben meine Stärke und ich verdiene einen Teil meines Geldes damit. Zudem mag ich meine innere Stärke, die ich durch den Weg aus dem Mutismus bekommen habe.

Was möchtest du zum Schluss allen von Mutismus Betroffenen mit auf den Weg geben?

Mir hätte es damals geholfen, wenn ich gewusst hätte, dass es geht. Dass man Mutismus überwinden kann, wenn man nicht aufgibt. Und zwar so überwinden, dass man damit auch leben kann und nicht nur existiert. Ich habe zwar einige Betroffene kennengelernt, aber niemanden, der es „geschafft“ hatte. Daher möchte ich das sagen und zeigen. Gebt euch also nicht zufrieden, wenn ihr eigentlich etwas anderes wollt. 

Vielen Dank, liebe Mara, für dieses sehr wichtige Interview!

Mara – mutismusblog.de

Copyright © Mara | mutismusblog.de

Über Mara

Mara schreibt auf mutismusblog.de über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Diagnose selektiver Mutismus.

Mit 17 bekam sie selbst die Diagnose, mit der sie seit ihrer Kindheit lebte, es folgte eine 5 Jahre lange Therapie. Heute als Erwachsene begegnet ihr der Mutismus kaum noch – dennoch ist er ein Bestandteil ihres Lebens, über den sie aufklären möchte.

Du findest Mara u.a. auch auf Instagram unter @mutismusblog.

Mutismus – das ist es, so kannst du helfen.

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